Sonntag, 9. Dezember 2012

Schweine-Eimer, zweite Leseprobe zu "Runde Ecken"

Da fragt man sich doch gleich: Was, zum Geier, hat das mit Horror zu tun?

Ab und zu ist es tatsächlich der blanke Horror, unschuldigen Lesern eine Leseprobe des eigenen Geschreibsels auf's Auge zu drücken. 

Da mich jedoch in den letzten Monaten ausdrückliche Wünsche nach einer Fortsetzung der ersten Leseprobe erreicht haben, gebe ich hiermit nach und schenke Euch das erste Kapitel.

Fehler dürft Ihr mir gerne aufzeigen. Ein Lektorat kann ich mir nämlich nicht leisten ;-)

Viel Spaß :-)


Schweine-Eimer





Mein erster Job, der meine Putzfrauenkarriere einläutete, ereilte mich im zarten Alter von 15 Jahren. Ich ging aufs Gymnasium und liebte Klamotten und Depeche Mode.

Damals waren Klamotten von Benetton und Socken von Burlington gerade furchtbar angesagt. Da meine Eltern unglücklicherweise der Meinung waren, eine Jeans von Aldi täte es auch, musste unbedingt ein Job her.

Meine Tante verschaffte mir meinen ersten Ferienjob in einer Krankenhausküche. Aus diesem Ferienjob wurden satte fünf Jahre. Man steckte mich in einen gruseligen altrosa farbenen Kittel mit dem Emblem einer großen Gebäudereinigungsfirma. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, dass ich nicht zu den weiß gekleideten Häubchen tragenden Küchenfeen gehören würde, die die Mahlzeiten zusammenstellten. Mein Platz war am anderen Ende der Spülmaschine. Unsere Gruppe, bestehend aus fünf Personen, hatte sich um die Container zu kümmern, die nach dem Essen von den Stationen zurückkamen. Die erste Frau lud die Tabletts aus dem Container und stellte sie auf ein Förderband. Die Zweite entfernte Papier und Abfall. Die Dritte entfernte sämtliches Besteck und stopfte es in einen Kasten. Die Vierte schabte die Essensreste vom Teller direkt in einen großen Kübel. Die Fünfte und Letzte befüllte die Spülmaschine. Jeder Platz hatte einen Namen. Diese wären dann der Reihenfolge nach: Container, Papier, Besteck, Schweine-Eimer und Maschine.

Raten Sie mal, was ich hatte!

Der Schweine-Eimer wurde an diesem ersten Arbeitstag für die nächsten zwei Stunden mein Begleiter. Ich musste nach einer halben Stunde eine Zwangspause einlegen, nachdem ich mich in genau diesen erbrochen hatte.

Mit der Zeit wurde ich eine wahre Virtuosin der Schweine-Eimer-Kunst. Ich konnte blitzschnell Essensreste vom Teller in diesen Kübel befördern, ohne mich zu übergeben. Irgendwann wurde mir auch klar, dass diese Position von allen noch die Angenehmste war. Hatte man Container, war man gelegentlich diversen Überraschungen ausgesetzt.

Die Container wurden aus dem Keller über einen Aufzug in die Küche befördert.

Dort angekommen, glitten sie an einer Art Schwebeschiene aus dem Aufzug heraus direkt vor das Förderband. Das dort positionierte Opfer öffnete die Flügeltüren des Containers und begann, die Tabletts der Reihe nach auf das Band zu stellen. Mit viel Glück blieb man beim Öffnen des Containers trocken. Oftmals war es aber so, dass einem zuerst ausgelaufene Getränkereste auf die Füße schwappten. Manchmal ergossen sich diese auch von oben auf einen, wenn man ein Tablett, auf dem ein Patient gekleckert hatte, aus einem der obersten Schienen heraus zog. Immerhin waren Tee bzw. Kaffee schon kalt. Das ersparte uns den Besuch in der Ambulanz.

Wenn man die Position „Papier“ hatte, blieb man zwar trocken, musste aber in alles hineingreifen, was sich auf dem Tablett befand, um alte Servietten, Marmeladen-Döschen, Teebeutel, usw. zu entsorgen. Die Arbeit mit Handschuhen machte hierbei wenig Sinn. Das Band lief so schnell, dass man gar nicht so schnell greifen konnte. Ein Handschuh hätte dieses hektische Rumgegrapsche nur erheblich erschwert. Natürlich wurden Servietten des Öfteren auch als Taschentuch oder Wundpflaster missbraucht. Manchmal lag der Abfall auch inmitten einer ansehnlichen Kotzlache, die der Patient uns liebevoll mit runter geschickt hatte. Sehr gerne haben Schwestern und Pfleger auch ihre Arbeitsutensilien auf den Tabletts abgelegt und „vergessen“. Dass eine von uns im Eifer des Gefechts in eine gebrauchte Spritze oder in einen Pieker gegriffen hat, war keine Seltenheit.

Nette Abwechslungen unter den Fundstücken auf den Tabletts boten auch liegen gelassene Brillen, Gebisse, Brechschalen, blutige Wundverbände, Tupfer, abgerissene Pflaster, Stethoskope und gezogene Fäden.

In dieser Zeit gewöhnte ich mir das Ekeln ab und das Rauchen an. Der positive Nebeneffekt war, dass ich die ganzen fünf, fast sechs Jahre lang niemals auf die Idee kam, irgendetwas aus dieser Küche zu essen. Ich blieb schlank wie ein Reh und konnte Horrorfilme gucken, ohne zu kotzen.



Dieser körperliche Vorteil kam mir auch während meiner Lehrzeit als Energieelektronikerin bei der Ruhrkohle zugute. Als eine der ersten weiblichen Auszubildenden absolvierte ich auf dem Weg in die Kantine täglich einen Spießrutenlauf. Ich konnte schneller rennen, als die Kerle grapschen und pfeifen konnten. Das sollte mir mal einer nachmachen.

Diese Ausbildung führte letztlich auch zum Ende des Schweine-Eimer-Jobs. Kurz vor dem Ende meiner Ausbildung kündigte ich dort, um mich in Ruhe auf meine Gesellenprüfung vorbereiten zu können. Ich lernte und ackerte wie eine Besessene und schloss mit guten Noten und einer Lehrzeitverkürzung meine Ausbildung ab.

Hätte ich damals geahnt, was die Berufswelt für mich noch bereithält, wäre ich wahrscheinlich Friseuse geworden, wie es sich für eine Friseurtochter gehört.



Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich aufgrund völlig veralteter Ansichten vieler Arbeitgeber einen Elektrobetrieb nie von innen gesehen habe.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Kommentare:

  1. KLASSE!!!!!
    Dein
    Matthias Sahlmann

    AntwortenLöschen
  2. Jetzt wird mir so einiges klar, woher dein Horror-Faible kommt, Carmen. ;-) Und wenn du noch mal behauptest, du könntest nicht schreiben, dann komm' ich dich aber mal besuchen. Aber nicht wegen einer Lesung. Versteh' das also ruhig als Drohung!! :-))
    Nein wirklich, dein lockerer Ton (der ja auch immer wieder in deinen Rezensionen super gut rüber kommt), der allerdings zwischen den Zeilen auch eine (selbst-)ironische kritische Note nicht vermissen lässt, ist wirklich gelungen. Ein solcher Text in Romanlänge hätte auf jeden Fall Chancen auf dem deutschen Markt. Viel mehr jedenfalls als das düstere Zeugs, was meinereiner so fabriziert. ;-)
    Bleib also bitte, bitte am Ball!!!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Boah, jetzt schwebe ich aber schon fast in anderen Sphären. Danke für das tolle Lob aus der Feder eines wirklich guten Autors *schnüff* Ich bin gerührt und fühle mich überhaupt nicht berührt :-)

      Löschen
  3. So, nu lass uns aber nicht wieder Wochen auf die Fortsetzung warten. Wenn ich so raus gucke, würd ich mich am Liebsten mit diesem Buch in die Wanne legen und aufpassen, dass ich nicht lachend ertrinke. Ich bleib dabei, der Stil ist herrlich erfrischend. Bleib dran bitte :-)

    Liebe Grüße und einen schönen zweiten Advent
    Sonja Kemper

    AntwortenLöschen
  4. Vielleicht sollte ich das Ding wirklich mal beenden. Ein paar Kapitelchen fehlen noch ;-) Danke für's Lesen und das Kompliment :-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. P.S. Dir auch einen schönen zweiten Advent!

      Löschen
  5. Carmen, mir laufen die Tränen! Ich kann mich nur meinen Vor-Schreibern anschließen. Deine Schreibe ist einfach köstlich und die Gefahr, mit diesem Buch in der Badewanne vor Lachen abzusaufen, richtig gro!
    Bitte bleib dabei und beende dieses Buch. Wenn ich bedenke, wie viel Schrott man auf den Buchladentischen findet - dieses Buch wäre eine köstliche Ausnahme. Trau Dich!

    Liebe Grüße
    Petra

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dankeschön - von Herzen! Ihr macht mir wirklich Lust, das Buch zu Ende zu schreiben :-)

      Löschen
  6. Alexandra Winkler9. Dezember 2012 um 16:00

    Liebe Carmen,
    ich mag Deinen Schreibstil, lese ihn wirklich gerne. Stand beim lesen quasi neben dem Schweine-Eimer. :-) Mehr davon (nicht vom Schweine-Eimer versteht sich).

    Du solltest das Buch in Großdruck drucken lassen und in Altenheimen und Krankenhäusern verteilen.

    Pack es. Schreib es zu Ende. Und biete es auch an. Es wird garantiert genommen.

    AntwortenLöschen
  7. Boah Carmen. Das ist der Hammer Ich will mehr. Auf der Stelle. Dass du schreiben kannst hat man ja schon bei deinen tollen Rezis gemerkt, aber das hier ist so super. Beende das Buch und lass es mich bitte soooofort lesen. *bettel*
    Ganz liebe Grüße
    Beate

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Beate, ich arbeite daran, versprochen :-)

      Danke für's Lesen und für Dein Lob. Das bedeutet mir viel!

      Löschen